„Wir treffen uns um 12 Uhr unter der Kuppel.“ Das war schon eine kleine Sensation, als das Haus Breuninger, damals 1989, die Karlspassage mit der markanten Glaskuppel eröffnete: Ein treffsicherer Punkt sich zu verabreden, ein Zugewinn an städtischer, ja großstädtischer Qualität – es war, als wehte plötzlich ein unerwarteter Hauch von Mailand oder gar Paris durch meine Wahlheimatstadt, die bis dato eher unter massivem Provinzverdacht stand.

Bestimmt 100-mal und mehr habe ich mich wohl seitdem in der Breuninger-Kuppel verabredet - und beim Weitergehen oft das gleiche empfunden: Hinter dem Ausgang Richtung Karlsplatz lauerte auf mein gerade aufgebautes Großstadtgefühl der jähe Absturz, Ernüchterung angesichts eines unansehnlichen Behördenparkplatzes und der wenig vorteilhaften Rückseite des Innenministeriums. Alles in allem eher Hinterhof als Stadtquartier. Selbst die links gerade noch sichtbare Markthalle, eines der schönsten Gebäude der Stadt, konnte dagegen nur wenig ausrichten.

Jahre vergingen: Im Mai 2017 stehe ich wieder an diesem Ausgang – und das, zugegebenermaßen, nicht ohne Vorurteile. Lange Zeit hatten die Barrikaden der Baustelle den Blick versperrt. Aber jetzt ist der Schleier gelüftet. Anfangs wehre ich mich noch schwach, aber schon bei den ersten Schritten in das neue Dorotheen Quartier muss ich es mir eingestehen: Der Platz, den ich gerade betreten habe, nimmt mich spontan für das neue Viertel ein, verbreitet sofort großstädtisches Flair, lädt zum Verweilen ein, nicht zum Durchqueren im Sauseschritt. Dabei erdrückt das Neue nicht das historisch Gewachsene: Alte Sichtachsen wurden wiederbelebt. Der Blick auf die Markthalle, den Turm der Stiftskirche und das (Gott sei Dank) erhaltene Hotel Silber lassen nicht vergessen: Ja, ich bin in Stuttgart - nach manchem missratenen Projekt der Stadtentwicklung, endlich ein echter Zugewinn. Es sollte nicht der einzige gelungene Aufbruch Stuttgarts ins Urbane bleiben.



Als Bürger dieser Stadt, mit fast schon 50 Jahren dauernder, freiwilliger Residenz, habe ich mich seit einiger Zeit dem Engagement für Stuttgarts Zukunft verschrieben. Mit anderen, denen unsere Stadt am Herzen liegt, haben wir die noch junge, aber schnell wachsende Bürgerbewegung „Aufbruch Stuttgart“ ins Leben gerufen. Unser erstes Augenmerk richtet sich auf die Verkehrsschneise die östlich direkt an das Dorotheen Quartier angrenzt und die - wie eine offene Wunde - die Stadt durchschneidet.

Die Stadt, von der wir träumen, sollte sich durch viel mehr einladende öffentliche Räume und Situationen auszeichnen: Eine Stadt, auf die ihre Bürgerinnen und Bürger stolz sind. Das Dorotheen Quartier ist ein gelungener Anfang. Aber wenn ich weiter träume fallen mir noch viele urbane Herausforderungen unterschiedlichen Zuschnitts ein, die Stuttgart liebens- und lebenswerter machen könnten – auch für die vielen qualifizierten Arbeitskräfte, nach denen Stuttgarts erfolgreiche Unternehmen händeringend suchen.

Gleich jenseits der B 14, wo heute noch Parkhäuser dominieren, wartet ein weiteres Viertel auf die Erweckung aus dem Dornröschenschlaf – oder doch eher aus dem Aschenputteldasein? „Aufbruch Stuttgart“ lädt Sie ein. Bauen Sie mit an der Stadt der Zukunft. Vielleicht sollten wir mal darüber reden.

„Wir treffen uns um 12 Uhr im Dorotheen Quartier oder unter der Kuppel –  im Falle, dass es regnen sollte.“

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