Auf der Suche nach „der Mutter aller Weihnachtslieder.“ Eine klangvolle Begegnung mit dem ausgewiesenen Musikexperten Andreas Vogel im Eduard's.

Er kommt gerne ins Dorotheen Quartier – aber nicht „unbewaffnet“: unter dem Arm einen tragbaren Plattenspieler und eine handverlesene Auswahl an Vinylalben und Singles. Einige wenige von seinen vielen. 40 Kisten mit Platten besitzt Andreas Vogel. Das Fassungsvermögen verschweigt er bescheiden – so wie sein eigenes, wenn er sich selber einen „Musikfan“ nennt. Denn Andreas Vogel ist ein wandelndes Musikarchiv. 

Der DJ und Betreiber der Rakete im Theater Rampe ist ein Profi in Sachen Popkultur. Er macht Führungen in der Staatsgalerie oder Internetradio aus einem Second-Hand Plattenladen, hält Vorträge über Popmusik und lädt seit Jahren zur ‚Montage’, einer stadtbekannten Veranstaltungsreihe. „Es gab eine Zeit, da wollten mich Leute zum Kulturvermittler ernennen.“ Damit ist Andreas Vogel der richtige Pfadfinder für eine exklusive Suche: Irgendwo zwischen ‚Last Christmas’ und ‚Stille Nacht’ muss es etwas Außergewöhnliches geben. Den perfekten Soundtrack für die Vorweihnachtszeit im DOQU. 

Die Suche ist spannend: „Bei einem Großteil der Weihnachtsalben werden Weihnachtslieder ja ungebrochen im jeweiligen Stil gesungen: Reggae, Country, Jazz oder Pop,“ erläutert Andreas. Und gerade der sei wie gemacht für weihnachtliche Versionen: „Pop ist eine ganz unreine Sache. Wo sich viele Dinge vermischen, die nicht zusammengehören.“ Und Weihnachten plus Popmusik - das seien zwei solcher Dinge. Gegensätze, die sich anziehen.

WIE KINDHEIT KLINGT

„In unserer Rezeption von Weihnachtsliedern denken wir immer unsere Kindheit mit“ erklärt er. Wir erinnern uns an das Schöne, an Rituale und Kontinuität, die wir als Erwachsene oft vermissen. „Deshalb beschäftigen sich viele Weihnachtslieder ja mit diesem Gefühl.“ Und während vor dem Fenster die Geschäfte im Dorotheen Quartier ihr Winterkleid anziehen, wird es einem im Eduards ganz warm ums Herz, wenn er so erzählt.

Ist denn alles, was man an Weihnachten will, wirklich „All i want for Christmas“? Einen Song, den Andreas Vogel als „letzten richtig großen Weihnachtshit“ identifiziert – und dazu erklärt: „Durch das Internet und den Mainstream der Minderheiten fehlt die Reichweite und man kann sicher sein, dass der Kanon der Pop-Weihnachtslieder jetzt nicht mehr um so viele Lieder bereichert werden wird, die eine Massenwirkung haben“. 

Ein Satz für die Ewigkeit, der in den hohen Räumen des Eduard’s klingt, bis er von Musik unterbrochen wird: Andreas Vogel legt auf. Seine ganz eigene Version von Weihnachten, handselektiert für das DOQU. Aus den Tiefen seiner endlosen Plattensammlung erklingt Ramsey Lewis mit entspanntem Souljazz. Die anderen Gäste staunen und freuen sich über die ungewohnten Töne, die ihnen das kleine Frühstück an diesem Wintermorgen versüßen. 

Was denn bei Familie Vogel am 24.12. auf dem Plattenteller liege, fragt man sich. Die Antwort: Nichts. Denn an Weihnachten, da werde zusammen gesungen, früher wie heute. Klassiker, zu denen man manchmal auch Gitarre spiele. Die Idee von Weihnachtsmusik sei für Andreas Vogel ohnehin mehr eine Einstimmung für die Weihnachtszeit – und weniger der Soundtrack für Heiligabend. 

Vor diesem Hintergrund sei auch seine Playlist zu verstehen. Eigens kuratiert für das Dorotheen Quartier und verbunden mit einem schönen Gedanken: „Wie wäre es denn, wenn Weihnachtslieder so verstanden werden, dass es eine Art Ritual dazu gibt? Bei dem sich Menschen die Zeit nehmen und diese Lieder ganz bewusst anhören.“ Schön wäre das.

Die Weihnachts-Playlist von Andreas Vogel:

Harry Connick Jr. – When my heart finds Christmas
„Extra für den Besuch im DOQU herausgefischt. Weil es perfekt hierher passt, mit seinem Hochglanz-Lifestyle. Übrigens sowas wie Platz 12 der meistverkauften Weihnachtsplatten der letzten 25 Jahre.“

Willie Nelson - Pretty Paper
„Eine Eigenkomposition inmitten von Coverversionen. Als Musik des Geschichtenerzählens passt Country zu Weihnachten. Umso mehr, weil Willie der Jazzsänger unter den Countrymusikern ist.“

Simone White - Christmas makes me blue
„Ein schönes Lied. Auch wenn es darum geht, dass sie an Weihnachten immer traurig wird und am liebsten den Mistelzweig essen und bis zum zweiten Januar im Bett bleiben würde.“

Tracey Thorn – Joy
„Das gefällt mir, weil es zeigt, dass man eine Weihnachtsplatte machen kann, ohne das es doof ist. Und dass es eine Intimität besitzen und einen berühren kann, ohne dass es kitschig ist.“ 

John Fahey – White Christmas
„Einer, der seine eigene Stilrichtung mitbegründet hat: American Primitive. Mit einer ganz eigenen Art, akustische Gitarre zu spielen - beeinflusst von alten Blues- oder Akustikgitarrenaufnahmen“. 

Vince Guaraldi - Christmas time is here
„Meine Weihnachts-Lieblingsplatte. Der Soundtrack zu einem Peanuts Weihnachts-Special, das die Hälfte aller Amerikaner 1965 im TV geschaut hat, während die andere Hälfte Bonanza sah.“ 

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