„VERRÜCKTER MUSEUMSDIREKTOR“ NENNT ER SICH IN EINEM NEBENSATZ. GUTE SELBSTIRONIE ODER GUTE SELBSTREFLEKTION? VERMUTLICH BEIDES. EINE BEGEGNUNG MIT DEM MUSEUMSMACHER UND MACHEN-LASSER IM DOROTHEEN QUARTIER.

So wie das StadtPalais kein gewöhnliches Museum ist, ist Torben Giese kein gewöhnlicher Museumsleiter. Der promovierte Historiker hat die Idee Museum entstaubt – und die Stadt gleich ein bisschen mit. Aktuell und spannend, inspirierend und integrierend ist es geworden – das Museum für Stuttgart. Wobei er sich am meisten freut, wenn Menschen davon sprechen, es sei ‚ihr Museum‘. „Etwas Schöneres kannst du uns nicht sagen.“

 „Im Grunde sind wir ein schnödes Stadtmuseum, wie es jede Stadt hat. Da gibt es dann immer einen historischen Verein und der bestimmt, was dort passiert.“ Aber Stuttgart ist nicht jede Stadt. Das hätte dem gebürtigen Frankfurter gerne jemand im Bewerbungsgespräch sagen dürfen. „Wir hätten nie gedacht, dass man so viele Menschen für ein Museum begeistern kann.“

Kann man. Wenn man Museum als lebendigen Ort des öffentlichen Lebens versteht, so wie Giese es tut. Allein in den ersten neun Tagen kamen 25.000 Menschen. Das war im April 2018. „Das Museum hat pulsiert. Und die Menschen hatten gleich eine Beziehung zu dem Haus.“

Beziehungen sind für Torben Giese wichtig. Auch die zu den Nachbarn. „Wenn man bei uns auf dem Balkon steht, hat man schon immer dieses Stadtviertel Dorotheen Quartier wachsen gesehen. Und heute hat es eine wichtige soziale Funktion übernommen. Hier pulsiert das Leben noch, wenn auf dem Marktplatz schon Ruhe ist. So einen Ort braucht eine Stadt.“

 „Hier hat man ein Stück Stadt gebaut, das lebendig ist und in dem städtische Wege von den Nutzern total akzeptiert werden. Besser kann man’s nicht machen.“ Das Kompliment möchte man am liebsten gleich zurückspielen. Als Return über den Charlottenplatz. Großartig ist es geworden – das Stadtmuseum, das nicht von einem Heimatverein bespielt wird, sondern von vielen kreativen Freigeistern.

Großen Anteil an der Erfolgsgeschichte hat laut Torben Giese die Politik: „Ich bin sicherlich der verrückteste Direktor, den man dafür aussuchen konnte. Aber ich war nicht so verrückt wie das, was wir jetzt machen.“ Das habe viel damit zu tun, dass man ihn machen lässt. Dass er Freiheiten bekommt und Rückendeckung. Und die Arbeitsanweisung: Herr Giese, wir wollen ein anderes Museum.

Bekommen haben sie dafür einen Ort, der heute die Fantastischen 4 feiert, morgen die Geschichte Manfred Rommels nachzeichnet und übermorgen den Pop-up Shop für das Stadttrikot des VfB Stuttgart beherbergt. Ein Ort, der seine Besucher in seinem Garten im Sommer zum Surfen einlädt und im Winter zum Rodeln. Mitten in der Stadt. Und mitten im Leben.

 

SKATEN IST AUCH EIN STÜCK STUTTGART

„Wir sind uns unserer Position sehr bewusst“ erzählt Giese. „Wenn wir bestimmte Dinge aufgreifen, dann holen wir sie in der Bedeutungsschwere für die Stadt auf ein anderes Tableau. Wenn wir Hip-Hop nehmen, wird aus der Subkultur irgendwie ein Stück Kultur von uns allen.“ Vielleicht auch, weil er und seine Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen relativ jung sind für Museumsmacher? Und es nicht nur der älteren Generation überlassen wollen, zu bestimmen, was wichtig für die Kultur der Stadt ist.

„Wer sagt denn, dass man sich nur mit Wilhelm dem Zweiten, Eugen dem Vierten und dem Stutengarten beschäftigen muss?“ Um Leserbriefen vorzubeugen: Auch das tut Torben Giese – aber eben nicht nur. „Das machen wir ja auch. Aber wir sagen gleichzeitig: Hey! Skaten ist auch ein wichtiges Stück Stuttgart.“

„Ein klassisches Stadtmuseum ist ja eigentlich nur der Hüter der Geschichte einer Stadt,“ sagt er – der so gar nicht klassisch sein will. Sondern lieber ein Abbild von Stuttgart jetzt. „Nicht nur von dem, was war. Sondern auch von dem, was ist.“ Dafür brauche es ein gutes Gespür dafür, wer gerade die Leute sind, die die Stadt voranbringen.

Einige dieser Voranbringer hat man aktuell in einem Film verewigt. Auch so ein typisches StadtPalais und untypisches Museumsprojekt: Anstatt eines Imagefilms über die Ausstellung, ließ das Museum einen Liebesfilm über die Stadt drehen. Einen, der selbst Alt-Oberbürgermeister Wolfgang Schuster, der tief mit dem StadtPalais verbunden ist, zum Tanzen brachte.

Torben Giese ist so realistisch wie empathisch: „Natürlich finden sich auch manche Leute in unserem Museum in ihrer Identität unterrepräsentiert. Leute, die sich gefreut haben, endlich ein Stadtmuseum zu bekommen – und dann nur „so eine Spaßbude bekommen haben.“  Verstehen kann er das. Ändern will er es in der Funktion, ein Museum für alle zu machen, aber nicht. Und das aus gutem Grund:

„Wenn wir jetzt eine 2000 Jahre alte, riesige Sammlung hätten, dann wären wir ihr verpflichtet. Und dann könnten wir auch den Wahnsinn, den wir machen, nicht machen.“ Sein Museum sei aber nicht nur dazu da, Objekte auszustellen. Und ganz viele andere Kultur-Institutionen sind überaus glücklich mit dieser Entwicklung: „Weil wir die Meile um etwas bereichern, was es so noch nicht gibt“.

Vollkommen happy ist man auch in der Verlängerung dieser Meile – im Dorotheen Quartier. Über die offene Begegnung an diesem Nachmittag und darüber, dass das urbane Leben auch gleich nebenan ein Zuhause hat.

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