Man kann sie vom Dorotheen Quartier gut sehen: die Stiftskirche. Und man kann die Nachbarschaft zu ihrem Offenherzigen Pfarrer, förmlich spüren. Grund genug, beide einmal zu besuchen.

220 Stufen trennen den Mensch vom Himmel. Die ersten 140 auf einer engen, steinernen Wendeltreppe. An den Mauern haben sich über die Jahrhunderte viele Besucher verewigt. Nach einer kurzen Verschnaufpause geht es weiter auf einer breiteren Holztreppe bis hoch zur Turmstube. Von hier hat man einen fantastischen Rundumblick über die Stadt und auf den Nachbarn, das Dorotheen Quartier.

Maximal 50 Menschen dürfen gleichzeitig auf den Westturm. An diesem Tag sind es drei, Matthias Vosseler eingeschlossen. Er ist der Herr der Stiftskirche - und ganz nebenbei "Europas schnellster Pfarrer." Ein Titel, den er sich beim Marathon in Luxemburg verdient hat. Auch die vielen Stufen nach oben nimmt er sportlich.

 

"Für mich ist es hier ein Lieblingsort" erzählt er knapp 60 Meter über den Dingen, dem Himmel so nah, gefühlt auf Augenhöhe mit Tagblatt-, Rathaus- und Bahnhofsturm. Oft nehme er hier die Stadt ins Gebet. Seine Stadt, seine Menschen. "Dass sie in Frieden miteinander leben und Dinge, die zu besprechen und zu lösen sind, auf eine gute Art miteinander lösen." Sein Blick schweift rüber in das neue Stadtviertel: das Dorotheen Quartier mit seiner bunten Mischung, die von den Bewohnern und den Besuchern der Stadt gleichermaßen angenommen wird.

Matthias Vosseler, den das Studium der Theologie nach Tübingen, Heidelberg aber auch nach Jerusalem geführt hat, ist seit 2009 Pfarrer der Stiftskirche. Er freut sich über die neuen Nachbarn: "Wir sind für die da, die kommen und gehen - aber auch für die, die hier wohnen und arbeiten." Zum Mittagsgebet, zu dem die Stiftskirche täglich außer sonntags um 12.15 Uhr lädt, kämen oft Leute, die in der Nähe arbeiten.

DAS GEHEIMNIS VON SEKUNDEN

Wie auf ein Stichwort läutet eine der 11 Glocken der Stiftskirche. Gewicht, Durchmesser, Inschrift, Tonart und wer sie wann gegossen hat - all das ist hier akribisch festgehalten. So lernt man, dass die älteste Glocke die Torglocke von 1285 ist. Und dass sechs Glocken aus der Zeit vor dem Krieg stammen - und dass sie rechtzeitig abgenommen und in einem Stollen gesichert wurden.

Und noch ein Geheimnis erfährt der Besucher: Damit in der Stuttgarter City nicht alle Turmuhren gleichzeitig die volle Stunde schlagen, sind diese um Sekunden versetzt.

Warum die Menschen wohl zu ihm in die Stiftskirche kämen? "Hoffentlich natürlich wegen den Inhalten. Aber auch, weil es eine schöne Kirche ist, mit einer tollen Akustik und ganz oft mit guter Musik." Der Pfarrer will da sein für die Menschen. "Auf dem Land sind die Kirchen ja unter der Woche geschlossen und am Sonntag dann 2 Stunden geöffnet. Das wäre hier undenkbar." Seine Kirche ist Montag bis Donnerstag bis 19.00 für die Menschen da, Freitag und Samstag bis 16.00 Uhr und sonntags nach dem Gottesdienst bis 18.00 Uhr.

"Mir ist es wichtig, dass es in der Innenstadt Orte für Begegnungen gibt" sagt der gebürtige Schwabe Vosseler. Seine Kirche, das sei so ein Ort. Dann blickt er nochmals rüber, vom Turm der Stiftskirche zum benachbarten Dorotheen Quartier. Winzig klein sehen sie aus, die Menschen, die dort flanieren, die Abendsonne genießen - oder sich begegnen. Und Matthias Vosseler lächelt.

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